Liebe Bahn

es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht bei dir blicken lassen oder wenigstens gemeldet habe. Ich kann gar nicht genau sagen, warum ich so abweisend war. Dabei vergeht kein Tag an dem ich nicht an dich denke, an unsere gemeinsame Zeit, an all das was wir zusammen erlebt und durchgemacht haben. Ich glaube, ich hatte einfach Angst, verletzt zu werden. Dass du mir wichtiger bist als ich dir. Dass du zu meinem einzigen Lebensinhalt werden würdest, während du mich gar nicht wirklich wahrnimmst. Dass du die einzige für mich bist, und ich für dich nur einer von vielen.

Weißt du noch – damals?
Du und… – und ich
Wir waren doch so… so… so…
Ich meine, ich…
Ich konnte doch nicht wissen, dass…
Dass du…
Ich meine…
Ach, das ist ja auch egal


Die Doofen: Segelohr
(Lieder die die Welt nicht braucht, 1995; Text: Wigald Boning, Olli Dittrich)

Heute weiß ich, dass das dumm von mir war. So unendlich dumm. Ich würde die Zeit gerne um ein paar Jahre zurückdrehen, wenn ich könnte. Ja, ich versprech’s, ich werd‘ das mit dem Zeit zurückdrehen versuchen, egal was Stephen Hawking dazu sagt. Ich hoffe, dass wir dann wieder zusammenkommen und alles so wird wie es einmal war. So schön, so unbeschwert, wie ein einziger Traum.

Ja, ich weiß noch, wie wir zusammen gelacht haben. Zusammen im Sonnenuntergang spazieren gegangen sind. Einfach dagesessen und über die großen Philosophen philosophiert und alte SpongeBob-Folgen analysiert haben. Wie wir einfach immer ganz toll fanden, was der andere gerade macht, wie wir uns gegenseitig aufgeheitert oder durchgerüttelt haben, wie wir uns gestreichelt und in uns in die Augen geschaut haben.
Und wo wir überall waren … Amsterdam, Berlin, Husum, Prag … Orte, die zuvor noch keiner kannte … die keiner so kannte, wie wir beide sie zusammen erlebten. Unvergessliche Erlebnisse, unvergessliche Zeiten, unvergessliche Emotionen.
Ja, natürlich, auch mit uns war nicht immer alles Sonnenschein. Auf den gemeinsamen Fahrten nach Basel hast du mich oft auf dem Boden sitzen lassen und dich gar nicht um mich gekümmert. Am Bahnhof Stuttgart hast du mal ohne Eingreifen zugesehen, wie mich ein Besoffener auf das Weinfest in Horb eingeladen hat – in Horb!!! Und warten lassen hast du mich des öfteren. Aber gut, das wusste ich, damit hatte ich mich arrangiert. Ich hab dich ja auch nicht immer fair behandelt. Als ich dich mit dieser Schweizerin betrogen habe, das war scheiße. Und kürzlich mit den Engländern … aber halt, da waren wir ja schon lange auseinander. Du siehst, ich bin ganz aufgewühlt. Ja, ich bin auch mal schwarzgefahren, obwohl ich weiß, dass du das nicht ausstehen kannst. Ich dachte halt – in meiner jugendlichen Naivität – das sei ein Verbrechen ohne Opfer. Heute weiß ich, es ist das größte Opfer von allen, das wichtigste – das einzige, das mir wichtig ist. Du.

Ich hoffe, du verzeihst mir all das und alles, was ich getan, hier aber nicht genannt habe. Ich hoffe, du verzeihst mir, dass ich dich alleine gelassen habe. Ich hoffe, du verzeihst mir die vielen einsamen Stunden. Ich hoffe, du verzeihst mir meine Feigheit. Meine Feigheit, mich nicht mehr bei dir zu melden, nur weil ich mich davor fürchtete, es nicht auszuhalten, wenn du mir die kalte Schulter zeigst. Meine Feigheit, dich im Ungewissen zu lassen. Meine Feigheit, nichtmal nach Jahren kurz Bescheid zu sagen, was Sache ist: Dass ich lieber ohne dich leben wollte als dich irgendwann zu verlieren. Ja, das klingt blöd. Weil es blöd war. Weil ich blöd war, weil ich blöd bin. Weil du mir den Verstand geraubt hast. Weil du mich verrückt gemacht hast. Weil du mich zur Verzweiflung getrieben hast, und in die Ekstase. Weil ich nicht mehr vernünftig denken konnte. An nichts. Außer an dich. Nur noch an dich.

Aber das soll jetzt vorbei sein. Ich will keine Angst mehr davor haben, an dich zu denken. Ich will wieder gerne an dich denken. Nein, ich habe immer gerne an dich gedacht. Ich will mich wieder frei fühlen, wenn ich an dich denke. Ich will wieder voller Stolz nur an dich denken, statt voller Scham, Angst und Zweifel. Ich will wieder vergessen, warum ich jemals an irgendetwas anderes denken sollte als an dich. Eigentlich habe ich das längst vergessen. Eigentlich wusste ich nie, warum ich überhaupt in Erwägung ziehen sollte, an irgendetwas anderes als an dich zu denken.

Ich sehe keinen Sinn mehr in einer Welt ohne dich. Habe ich nie. Werde ich nie. Ich will dich, ich kann nicht ohne dich. Ich habe es versucht, und es hat nicht geklappt. Es macht gar keinen Sinn, warum sollte es auch? Es soll nicht so sein, das weiß ich jetzt. Wir gehören zusammen, und dass ich versucht habe, dieses Naturgesetz zu brechen, war ein Fehler von mir. Ein riesiger Fehler. Wenn ich je einen Fehler gemacht habe, dann diesen. Es tut mir leid, liebe Bahn, es tut mir leid, dich enttäuscht zu haben, dich vernachlässigt zu haben, dich ignoriert zu haben, dich mit deinen Gedanken und Problemen alleine zu lassen. Es tut mir leid, und ich will es nicht wieder tun. Nie wieder. Ich verspreche es. Bei allem was mir heilig ist. Hmm, das bist nur du. Siehst du, du bringst meine Gedanken schon wieder zum schwirren. Ich verspreche es also, künftig nicht mehr von deiner Seite zu weichen, bei allem was mir heilig sein könnte, wenn es dich nicht gäbe. Nicht, dass ich mir eine solche Welt vorstellen wollte, oder auch nur könnte.

Liebe Bahn, ich bin dir dankbar. Nicht nur für alles was wir erlebt haben, für alles was du für mich getan hast, für alles was du mir gegeben hast, nein, vor allem dafür, dass du mir wieder Hoffnung machst. Dass du meinem Leben wieder einen Sinn gibst. Dass du wieder Licht ans Ende jenes dunklen Tunnels setzt, den ich seit so unendlich vielen Jahren durchwandert habe, ganz allein, ohne dich. Dass das ein Eisenbahntunnel war, war mir immer klar. Dass der nur mit dir Sinn ergibt, das habe ich versucht, zu verdrängen, mir auszureden, mir irgendwie glaubhaft zu machen. Es hat nicht geklappt, aber ich war einfach überzeugt, du hättest längst irgendwo anders einen anderen Tunnel gefunden, durch den du fahren kannst. Mit jemand anderem. Dass du mich längst vergessen hast, mich vielleicht gar nicht mehr erkennen würdest, oder zumindest meinen Namen nicht mehr wüsstest. Dass wir uns eines Tages zufällig irgendwo begegnen würden, und für mich würde ein Traum in Erfüllung gehen, während du gar nicht wüsstest, wer ich bin. Oder vielleicht schlimmer, dass du es wüsstest, aber mir aus dem Weg gehen würdest. Dass du das vielleicht nicht schaffen würdest, weil das Schicksal eben will, dass du diesen einen Weg entlanggehst, wie auf Schienen, und dass wir uns treffen, da an jenem Bahnübergang draußen auf den Feldern und Wiesen, an einem Freitag Nachmittag, denke ich. Äh, was ich sagen wollte: Dass wir uns da also treffen und uns erkennen würden, und dass ich dir mein Herz ausschütten wollte, und du einfach gar nicht wüsstest, was du mir erzählen willst. Dass du mir ganz einfach wirklich nichts sagen willst, dass du gar nicht mit mir sprechen wolltest, meine Gegenwart meiden willst, jeden Gedanken an mich scheust.

Ich wusste ja nicht, vielleicht hast du mich ja gar nicht vergessen, sondern deine Liebe zu mir hat sich längst in Hass verwandelt. Vielleicht hast du den Altar, den du mir in deinem Herzen gebaut hast, längst in ein Schafott umgebaut, vielleicht versiehst du eine kleine, von haitianischen Waisenkindern nach meinem Ebenbild handgeklöppelte Voodoopuppe jeden Tag mit den übelsten Verwünschungen, die man sich ausdenken kann. Vielleicht verwendest du all jene Gedanken, die du früher direkt in mich investiert hast, nun dazu, dir ständig noch schlimmere Schicksale auszudenken, die du mir an den Hals wünschst.
Nein, ich weiß, so war es nicht. Das weiß ich jetzt. Das macht mich so unendlich glücklich. Schon das allein. Und es macht mich auch unendlich traurig. Über all die verschwendete Zeit, über all die verlorenen Glücksmomente, über all das Leid, das wir hätten vermeiden können. Ach, das hatte ich ja schon, das tut mir leid. Ich danke dir also für deinen Brief. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr er mich entzückt hat. Dass ich tagelang nicht essen konnte, nicht trinken, nichtmal schmecken, nicht riechen, nicht fühlen, nicht sehen, nicht hören. Dass ich nicht mehr denken konnte. Und wollte. Dass ich dennoch seither pausenlos an dich gedacht habe. Wie das ging? Das weiß ich nicht, frag Stephen Hawking, wenn der so schlau ist. Ich will gar nicht darüber nachdenken. Ich will nur noch an dich denken. Ich bin so happy, dass du auch an mich denkst.

Ich weiß nicht, ob das mit uns nochmal was wird. Ich würde es mir so wünschen. Ich kann mir das so lebhaft vorstellen. Ich hab schon jetzt so viele Pläne, wir müssen so vieles nachholen. Ich bin so aufgeregt, wenn ich nur daran denke, wie wir wieder zusammen sind. Ich bin schon allein dann aufgeregt, wenn ich daran denke, wie du an mich denkst. Ich wüsste gerne, was genau du denkst. Wie du an mich zurückdenkst, ob du dir vorstellst, was ich jetzt gerade wohl so mache, ob du auch schon eine Zukunft für uns planst. Ob du Kinder willst, Haustiere, vielleicht ein Haus. Einen Schrebergarten, ein Wochenendhäuschen in Südfrankreich oder ein Time-Sharing-Appartement auf Mallorca. Eine Zootierpatenschaft, eine Patenschaft für ein afrikanisches Waisenkind. Oder ein haitianisches, dass die endlich mal was Sinnvolles machen können. Oder ob du dir erstmal nur wünschst, mit mir zu reden, mit mir zu tanzen, mit mir eine Nacht zu verbringen. Ob du wirklich nur einmal ein Eis mit mir essen gehen willst und ein bisschen in alten Zeiten schwelgen, bevor sich unsere Wege wieder trennen. Vielleicht für immer, vielleicht wieder für Jahre, vielleicht doch nur für Stunden? Bitte sag mir, dass es nur Stunden sind, die du dir für unsere nächste Trennungsphase vorstellst. Oder dass du dir wünschst, dass wir nie wieder auseinander gehen, nicht für eine Sekunde, eine Nanosekunde, einen so kleinen Sekundenbruchteil, dass nur dieser Hawking die passende Einheit kennt. Bitte sag mir, dass du dir schon ganz genau ausgemalt hast, was wir nach jenem Eis tun. Jeden Schritt, jedes Wort, jeden Tag, jedes Jahr. Das du das Drehbuch für den Film zu unserem erweiterten Lebensabend schon minutiös niedergeschrieben hast. Dass du bereits für jede einzelne Szene dieses Films ein fixes Bild im Kopf hast, dass du nicht bereit bist, auch nur einen Millimeter davon abzuweichen (und nichtmal im Traum dran denkst, Stephen Hawking zu fragen, welche noch kleineren Längenmaßeinheiten es gibt, weil du einfach überhaupt gar nicht davon abweichen willst).

Ich wär‘ dazu bereit.

Ich weiß, dass du dir bereits so viele Gedanken dazu gemacht hast, dass dein Plan perfekt sein wird. Also wenn du diesen Plan schon gemacht hast. Ich will dich dazu nicht drängen. Ich will nur deine Pläne erfahren, ich will, dass wir unsere Gedanken austauschen, dass wir mit ihnen Quartett spielen. Ich will, dass wir im Guiness-Buch landen, für das längste Quartettspiel der Welt, weil unsere Gedanken so gut zueinander passen dass keiner den anderen ausstechen kann. Dass wir auf einer Ebene sind. Dass wir absolut gleichberechtigt sind. Dass jeder dieselben Rechte hat, dieselben Pflichten, dieselben Wünsche, dieselben Träume, dieselben Ängste – dieselben Gedanken eben.

Ich spüre, dass das längst so ist. Ich weiß, dass es früher so war. Ich weiß, dass es wieder so sein kann. Wir sind auf derselben Wellenlänge, wir sind wie Yin und Yannick, wir sind wie Schoko und Vanille, wir sind wie True und False, nur dass beides für das Wahre steht, das Vollkommene, das Echte. Für uns. Für Glück und Harmonie. Für eine Welt ohne Probleme, ohne Krieg, Hunger, Krankheit, Dunkelheit und Vögel. Für meinen Traum. Für unseren Traum. Für unser aller Traum.

Hach. Ich bin so glücklich. Ich frage mich, was du jetzt machst, in diesem Moment, wo ich meine Gedanken an dich niederzuschreiben versuche, auch wenn freilich der Großteil davon nicht in Worte zu fassen ist und ein ebenso großer Teil diesem Text die Jugendfreiheit nähme, was ich vermeiden möchte, weil ich ihn trotz all seiner Privatheit doch gerne veröffentlichen möchte.
Ich frage mich also, was du gerade tust, was du denkst. Denkst du auch an mich? Jetzt? Also jetzt wo ich das schreibe, nicht wenn du das liest? Ja?
Ja, tust du. Ich bin mir sicher. Ich bin mir jetzt sicher, dass du genauso oft an mich denkst wie ich an dich. Ich weiß, dass du immer an mich denkst, immer an mich gedacht hast. Dass du genauso wenig an etwas anderes denken kannst. Dass du dir genauso schuldig vorkommst wie ich. Unnötigerweise. Mach dir keine Sorgen. Ich verzeihe dir. Wenn es was zu verzeihen gibt, ich weiß es nicht mehr. Ich will es gar nicht mehr wissen. Ich weiß nicht, warum mich das noch interessieren sollte. Ich interessiere mich nur noch für dich. So wie du dich nur noch für mich interessierst. Weil wir füreinander geschaffen sind. Vielleicht haben wir ja gar keine eigenen Gedanken. Vielleicht haben wir nur unsere gemeinsamen Gedanken. Vielleicht sind wir eins. Ein Geist in zwei Körperlichkeiten. Ein Geist in einer höheren Welt. Vielleicht sind wir eine ganz eigene Welt, und unsere Existenz in dieser Welt ist nur eine Illusion. Eine Illusion für uns, oder für die anderen, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es in meiner Welt nur dich gibt, und ich bin froh, zu erfahren, dass es auch in deiner Welt nur mich gibt.
Stephen Hawking ist mein Zeuge.

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„Sehr geehrter Herr Schmitt, auch wenn es schon etwas länger her ist: Wir denken sehr gern an die Zeit mit Ihnen zurück.“

In ewiger Liebe,
dein Yannick

PS: Wenn du mich nicht zurücknimmst, bringe ich mich um!
PPS: Die BahnCard nehme ich trotzdem nicht. Falls du stattdessen die 62 Kugeln Eis direkt liefern willst, meine neue Adresse findest du im Impressum.

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